Enter the Void
Frankreich/Deutschland/Italien 2009, R: Gaspar Noé
Die in den 20er Jahren von Karl Freund entwickelte "Entfesselte Kamera" erhält in "Enter the Void", dem erst dritten Film des französischen Regisseurs Gaspar Noé, ganz neue Dimensionen: Sie fährt durch Wände und Zimmerdecken, stürzt aus der Vogelperspektive auf neonfarbene Bauten, taucht für den Szenewechsel in scheinbar nebensächliche Gegenstände und Formen ein. Noés Kino war immer ein Kino der Grenzübertritte und Grenzerfahrungen, in "Enter the Void" bricht er schließlich alle verbleibenden Grenzen auf: Die räumlichen, die physikalischen, die perspektivischen; für Noé - einen der meistbeachteten, aber auch meistunterschätzten Filmemacher dieser Zeit - ein nachvollziehbarer, konsequenter Schritt, ein Film, der seinen spätestens 2002 mit "Irreversibel" begonnenen Revisionismus auf die Spitze treibt - ein Revisionismus, der narrative Konzepte in Frage stellt, Moral, den Tod, selbst die Schwerkraft. Und vor allem: Der beste und atemberaubendste Film des letzten Jahres. Dass Noé im Feuilleton, oft auch beim Publikum verkannt wird, liegt an der vorschnellen Bemühung des Titels "Skandalregisseur", der immer dann zu Rate gezogen wird, wenn eine akute Überforderung durch das Werk eines solchen "Skandalfilmers" (auch: "Enfant terrible", "Regie-Rambo") vorliegt - meist durch explizite Darstellungen von Sex- Gewalt- oder Drogen-Szenarien, die zunächst einen allgemeinen Aufschrei provozieren, der anschließend den Blick über den Tellerrand der Übrigen trübt, die den jeweiligen "Skandalfilm" erst nach der ersten Welle der Berichterstattung sehen, die im übrigen die beste Werbung für einen Film wie "Menschenfeind" war, oder "Irreversibel", oder eben "Enter the Void". So betrachtet darf man Gaspar Noé nun wohl endgültig zu der inoffiziellen Riege der einst verkannten "Regie-Provokateure" zählen, die Namen wie Luis Buñuel, Pier Paolo Pasolini, Nagisa Ôshima, Marco Ferreri, Jean-Luc Godard, Bernardo Bertolucci, Christoph Schlingensief oder Lars von Trier inkludiert. Denn was gern übersehen wurde: Dass Gewalt bei Noé nie etwas befreiendes, ruhmreiches, schönes hat. Er ästhetisiert seine Filme, nie aber seine Figuren oder die Brutalität, zu der sie angesichts ihrer verpfuschten, von sozialer Kälte und Destruktivität durchwirkten Leben fähig sind. Und es wurde übersehen, dass "Irreversibel" - ein Film, der das Stilmittel der Rückwärtserzählung intensiver und cleverer nutzte als Christopher Nolans "Memento" oder François Ozons "5x2" - zwar dunkel, illusionslos, drastisch war, aber auch voller Zärtlichkeit; die Gewalt, die chronologisch am Ende steht, entlädt sich bereits in der ersten Hälfte, während Noé seine schmerzvolle Rache-Prosa zunehmend bedächtiger zurückverfolgt. Zurück zu den Ursachen der Eskalation, aber auch zurück in das Zentrum einer einst intakten Beziehung - von Thomas Bangalter zu Mahler und Beethoven in knapp 100 Minuten. "Menschenfeind", Noés Spielfilm-Debüt, erlaubte sich ebenfalls kleine Stilisierungen (die Handlung unterbrechende Warnschilder), ist aber sein bis dato rohester, naturbelassenster Film, wie der Gang zur Schlachtbank. "Enter the Void" überrumpelt schon in den Opening Credits: Zur pulsierenden Musik von Thomas Bangalter (deutlich brachialer und technoider als sein Hauptprojekt Daft Punk) prügeln Worte und Namen förmlich auf uns ein, Quentin Tarantino nennt das die "best credit scene of the year" - und er hat Recht. Danach folgen wir dem Junkie Oscar durch die Metropole Tokio, wie in Darren Aronofskys "The Wrestler" klebt die Kamera förmlich an seinem Nacken. Wir erleben einen LSD-Trip (eine mandalaartige Projektion gekreuzt mit der psychedelischen Farbsequenz aus Kubricks "2001"), seine Schwester, die sich als Stripperin verdingt, seine "Freunde", Todesängste - und seinen Tod selbst. Infolge einer Razzia wird er in erschossen, in der engen, dreckigen Toilette des Clubs "Void", unvermittelt und unerkannt. Von nun an tauchen wir ein in seine Vergangenheit, in eine fragile Geschwisterbeziehung, erfahren die wahren Hintergründe der tödlichen Fahndung, hören Gespräche über das Sterben - während über der Stadt noch Oscars Seele schwebt, aus deren Sicht wir die Gegenwart beobachten: Den nahenden Absturz seiner Schwester, die Reue eines Freundes, die Trauer, Wut und Ernüchterung der am Leben gebliebenen. "Enter the Void" ist mindestens so fordernd und fieberhaft wie elegisch - der neuerliche Abgesang auf ein verwirktes Leben, ein halluzinatorischer Trip in Grenzbereiche zwischen Dies- und Jenseits, der manchmal einfach nur zu einer wundervollen Glockenspielvariation von Johann Sebastian Bachs "Air on the G String"-Motiv über die Dächer der Stadt gleitet, um anschließend den nächsten Schlag in die Magengrube auszuteilen. Kinematographisches Acid, verfilmte Schwerelosigkeit. Und während man noch überlegt, ob die so noch nie gesehene visuelle Brillanz nicht doch artifizieller Selbstzweck sein könnte, wurde man von "Enter the Void" schon längst mit Haut, Hirn, Herz und Haaren verschlungen. Noé bleibt einer der spannendsten Filmemacher unserer Zeit.